Klint

Das zerstörte Arkadien und die Zerstörung der Seele – Horst Stern: Klint. Stationen einer Verwirrung

Ich hatte sogar mit dem Vergleich gespielt, es seien meine dieserart entstandenen,

mitunter ungewöhnlichen Texte ein Enzephalogramm meines Gehirns,

mit den Sätzen als dem grafischen Ausdruck

neuronaler Elektrizität

und den oszillierenden Wörtern

als deren Ursprüngen in den Synapsen.

“‘Klint’ ist das dänische Wort für ‘Abbruch’, ‘abruptes Ende”, schrieb Sabine Paul in ihrer Rezension über Horst Sterns dritten Roman in der ‘tageszeitung’ (taz) aus Berlin.1 Auch wenn die von mir daraufhin konsultierten Wörterbücher lediglich die Übersetzung ‘Steilufer’ und ‘Steilküste’ offerierten – was, vom Land aus gesehen, mit ‘abruptem Ende’ allenfalls in ein plausibles Bild gefaßt scheint – bleibt die Konnotation des plötzlichen, wenn auch nicht unerwarteten Endes ein überzeugender Untertext des Romans.

Klint dreht sich um die Frage, ob und wie Schreiben nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl überhaupt noch möglich sei. Dadurch wird das europäische Trauma des real existierenden Super-GAUs indirekt mit Auschwitz verglichen: mit seinem Diktum “nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch”2 hatte Adorno “eine Lyrik in Frage gestellt, in welche die Todeserfahrung der faschistischen Vernichtungslager nicht als poetologischer Schock, als Erschütterung eingegangen war”.3 Analog zu diesem ex negativo erhobenen Postulat läßt sich in der deutschen Umweltliteratur die durch das Reaktorunglück in der Ukraine ausgelöste Erschütterung quasi-seismographisch orten.

Auch für Klint, den Protagonisten des gleichnamigen Romans, stellt sich die Frage nach dem journalistischen Umgang mit den Folgen des GAUs: “Seit die Nachricht von der Tschernobylkatastrophe kam, hörte ich auch damit auf. Wozu noch schreiben?”4 Was in der Realität gilt, gilt gleichsam für das Empfinden der Träger der Ökologiebewegung: der Graphitbrand schwelt noch immer.5

Klints Suizid stellt gewissermaßen ein abruptes Ende dar: Japanische Zen-Mönche zum Vorbild nehmend, die nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima im Lotussitz in Berghöhlen den Strahlentod erwarteten und Jahre später in ebendieser Sitzhaltung mumifiziert aufgefunden worden waren, zieht Klint sich in eine Karsthöhle zurück, in der er dann gleichfalls in Meditationshaltung aufgefunden wurde, gestorben jedoch nicht unmittelbar an den Folgen des GAUs, sondern der eisigen Temperaturen.6 Hier findet sich, wie bereits in Störfall, der Rückgriff auf Japan – auf den Staat, in welchem Teile der Zivilbevölkerung als erste die Folgen sowohl der kriegerischen (1945) als auch der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernspaltung (1954) am eigenen Leib erleiden mußten -, um dem im europäischen Kontext bis dato unbekannten Ernstfall begegnen zu können; ein Zeichen der Hilflosigkeit angesichts der Katastrophe auch dies.

Der Ort seines Rückzugs, jene Karsthöhle, ist der Standort einer seismographischen Apparatur. Und auch die Beschreibung von Klints Tod kann als Resultat eines seismo-graphein, des Dokumentierens einer Erderschütterung, gelesen werden, die mit der wachsenden Umweltzerstörung durch den Menschen begann und in der ukrainischen Kernschmelze ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Diese Erschütterung findet ihren Nachhall im untersuchten Roman, was die verdeckte Analogie zu Adornos Diktum implizit einforderte, indem der Journalist und Protagonist Klint zum Seismographen wird.

Das Romanende greift das Bild eines Schauderns der Erde, an welchem Klint teilhatte, wieder auf:

Der eisige Nordoststurm, der auch in die Höhle hinunterstieß, ließ das von der Decke hängende Stahlseil vibrieren, und die Vibrationen teilten sich dem Pendelrohr an seinem Ende mit wie ein Schauder, der die Haut der Erde überlief.7

Eingeführt wurde dieses Bild anhand des Zeitungsausschnitts, durch den Klint vermutlich auf diese Höhle aufmerksam wurde:

Der Zeitungsausriß enthielt eine Notiz, wonach man in einer anderen, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Karsthöhle ein Kontrollpendel installieren werde, das, von der Höhlendecke hängend, geeignet sein solle, auch die tektonischen Erschütterungen der Erde, wie sie Erdbeben oder unterirdische Atomexplosionen verursachten, in Stärke und Dauer sichtbar zu machen. Überschrieben war die Meldung ‘Wenn es die Erde schaudert’.8

Klints Leiden läßt sich als Leiden an der Umweltzerstörung lesen. Er beschreibt sich selbst als “symbiotische(n) Teil der Natur, Geist ihrer Materie, der unausweichlich krank werden muß, wenn sie krank wird”.9 Das deckt sich mit der Einschätzung des Ich-Erzählers und Chronisten, der bei Klint retrospektiv “eine Leidenschaft für das kreatürliche Leben, an der er einmal zugrunde gehen sollte”,10 diagnostiziert.

Ich vermute, daß es nicht nur die Bilder der Zerstörung, sondern auch die zerstörten Bilder sind, die Klint in seinen schizophrenen Wahn führen. Es bleibt nicht bei der Zerstörung der Umwelt, sondern diese beschädigt die Erinnerungsfiguren des kulturellen Gedächtnisses in ihrer identitätssichernden Funktion, was wiederum nicht ohne Einfluß auf empfindsame Seelen bleibt: Klints Schizophrenie wäre dann nur mittelbar als Folge der Zerstörung der Natur, sondern eher der dadurch beschädigten Bilder zu deuten, die gleichzeitig als Indikatoren für den seelischen Gesundheitszustand des Protagonisten fungieren.

Die zerstörten Bilder

Klint beschreibt in seinen Aufzeichnungen, inwieweit selbst die Erinnerungsfiguren (“die Orte mit den magischen Namen”, die “Gedankenorte”) von der Umweltverschmutzung betroffen sind. Wenn in Christa Wolfs Störfall die Erinnerungsfiguren noch oszillierten, die Beschädigung und Bedrohung gleichzeitig mit den alten, unbedrohten, trostspendenden Bildern lesbar waren, sind für Klint keine idyllischen Bilder mehr von der Umweltzerstörung unberührt:

Es sind selbst die Orte mit den magischen Namen schon mit einem Schmutzfilm überzogen (…). Es faulen diese Orte von außen und haben ihre Fäulnis vom fauligen Denken, sind sie doch Gedankenorte, und keiner ist von der Fäulnis ausgenommen.11

Das illustriert er an diversen Beispielen, prominent gerade im Hinblick auf mythische Erinnerungsfiguren sei hier seine Sicht auf Atlantis angeführt:

Nicht die im atlantischen Meer versunkene Insel Platons. Auf ihre algenbärtigen Häuser und Türme mit den im Golfstrom lautlos schwingenden Glocken aus Fischblasenhaut, darin die Seelen der Ertrunkenen wohnen, sinkt nun aus den Kloaken schwarzer Schiffe ein Säureschleier nieder. Er ist verwoben mit immer wiederkehrenden, ihn in die Tiefe ziehenden feststofflichen Mustern, an denen die Heringe zerren, mit denen die Dorsche spielen, an denen der Kabeljau prüfend die Kiemen legt. Muster aus dem strahlenden Müll der Pharmazien.12

Das zerstörte Arkadien

Eine solche Situierung mythischer Orte in einer Präsenz der globalen Umweltkrise bildet gleichfalls das Grundmuster für die Darstellung Arkadiens in Klints Aufzeichnungen, wie Klint selbst seine Fragestellung beschreibt: “Mein besonderes Interesse galt der ökologischen Realität von Vergils arkadischen Landschaftsbildern.”13 In Übereinstimmung mit einem Zitat von Bruno Snell14, welches Klint als Teil einer Vorlesungsmitschrift präsentiert und gerne als Motto seines Zugangs zur Erinnerungsfigur ‘Arkadien’ verstanden wissen möchte, ist die Verschränkung von Mythos und Gegenwart, also die Aktualisierung der erinnerten Geschichten, explizit Programm.

Er reist in Gedanken nach Arkadien, der griechischen Landschaft, die für ihn mit der von Vergil in dessen bukolischen Eklogen entworfenen Schäferidylle zusammenfällt. Doch auch jener als utopischer Gegenentwurf gestaltete “Nichtort”15 ist von der Umweltkrise betroffen: Das Idyllische, Vergilische daran erweist sich als künstlich gestaltet, real ist auch hier, selbst also in seinen Traumbildern, nur der Eingriff des Menschen in die Natur, die er gleichwohl anthropomorph beschreibt:

Eingesunken zwischen zwei Bergzügen das neblig bleiche Gesicht der Hochebene, (…). Schwarze Bartstoppeln der hangseitig sprießende Wacholder. Wirres Morgenhaar der Wald, der strähnig von den Höhen hing. Nachtschweiß die Rinnsale, die aus ihm niedertropften. Traumschreie die fernen Eselsrufe. Und ein schlechter Atem aus hohen Schloten gleich hinter den Bergen, krank riechend und in die Lungen stechend (…).16

In der griechischen Mythologie gilt Arkadien als Zufluchtsort der Zentauren nach deren Vertreibung aus ihrer Heimat Thessalien. Die in Klints Arkadien lebenden Zentauren mit den Namen ihrer mythischen Ahnen entpuppen sich als Produkte von Genmanipulation, mit Unterstützung der EU entwickelt, um den Tourismus in benachteiligten Landstrichen anzukurbeln. Eine Zentaurin trägt Klint über eine eigenartige Landschaft, die dieser dann als die “nacktgeschundene Haut der Welt” identifiziert. Durch die Wunde hindurch läßt die Zentaurin ihren Reiter “den Mikrokosmos der Gene” erblicken.

Mit dem rechten Vorderfuß scharrte sie vorsichtig das weißliche Bodenmedium auf. Es entstand nach und nach ein kraterähnliches Loch, dessen Ränder bald aussahen wie die zusammengeschobenen Hautränder einer übergroßen Wunde. Ich beugte mich zur Seite und sah auf ein Meer von Organismen hinunter, in dem ich staunend den Mikrokosmos der Gene erkannte. (…) Die vermeintliche Nebeldecke war ein Kontinuum aus blasig aufgeworfenene und miteinander verwachsenen Eiweißhäuten lebender Zellen, die mitsamt ihren Kernen ins Riesenhafte gewuchert waren. (…) Wir standen auf der nacktgeschundenen Haut der Welt.17

Klint beobachtet die “Crix-Watsonsche Doppelhelix” in ihrem perpetuierenden Reproduktionsprozeß, was ihm die Einheit allen organischen Lebens noch einmal vor Augen führt. Die Zentaurin eröffnet ihm noch verschiedenen Einblicke in die Gen-Landschaft, und Klint sieht seltsam anmutende Lebewesen, die von Gen-Ingenieuren entwickelt scheinen und eher auf die Bilderwelt eines Hieronymus Bosch verweisen denn auf lebendige Organismen:

Ich sah jetzt Bäume, deren Früchte nicht zu ihren Blättern paßten, und Tiere mit Köpfen, die auf ganz andere Leiber gehörten. Aus Pflanzenblättern starrten mich Tieraugen an, und Tiere gingen auf gelenkigen Blumenstengeln statt auf Beinen. Ich hörte Häute rascheln und Blätter schreien, sah aus Pelzohren Orchideen erblühen und Brennesselblüten sich zu Rosen häuten. Ringelschwänzige, flügellose Vögel kletterten in den Bäumen herum und pickten albinotische Regenwürmer von den Zweigen, fliegende Schuppenechsen jagten gefiederte Schmetterlinge, und die Luftwurzel eines Philodendrons beschlich am Boden nach Schlangenart einen marderköpfigen Hasen.18

Damit zieht der Text eine Parallele zu der von Klint beschriebenen Aktualisierung eines Gemäldes von Hieronymus Bosch, nämlich des Triptychons Garten der Lüste, das er als “Weg der Menschheit in die ökologische Katastrophe”19 liest. Die erste Tafel stellt nach seiner Lesart den paradiesischen Urzustand eines Friedens mit der Natur (Meyer-Abich) dar, die zweite die Überbevölkerung der Erde und die dritte beschreibt “das Ende der Natur, das große Sterben, das nur die Genchimären noch verschont”.20 Weiter interpretiert er die Hölle als Ort der Rache der Elemente aufgrund der prometheischen Sünde des atomaren Feuerraubs, als Darstellung des “ökologischen Holocaust(s)”.21

Selbst das Wasser brennt. Der Himmel ist ein Inferno aus atomarem Feuer und Rauch. Die Natur ist im Zustand des Grimms und der Rache. Die Elemente sind außer sich durch den zweiten, den atomaren Sündenfall des Menschen, der ein Feuer auf die Erde holte, das der Sonne zugehörig ist.22

Sich selbst verortet er als Opfer, erkennt sein Gesicht in dem des Baummenschen auf Boschs Höllendarstellung.

Ich bin der Baummensch dort im Bild. Mein leichenfahler Leib, der nur noch hälftig ist und leere Hülle, steht auf zwei Beinen, die drehwüchsigen Bäumen gleichen. Es starren lange Äste aus ihnen heraus, die entlaubt sind von einem vergifteten Himmel und entrindet von einer sorglosen Zeit.23

In einer weiteren, von der Zentaurin geöffneten Wunde in der Haut der Welt sieht Klint Kadaver von Arten, die ihm vertraut sind, aber offensichtlich hier als aus der Mode gekommene Lebewesen auf einer großen Mülldeponie gelagert werden.

Auf einer anderen Gedankenreise nach Arkadien findet sich Klint inmitten einer riesigen Baustelle wieder. Wie ein Fremdenführer der Journalistengruppe erläutert, geschieht nach Vergilschen Vorlagen die künstliche Schaffung eines Touristenparks:

Arcadia vergiliana, die Umgestaltung des rauhen Arkadiens in eine lovely Hirtenlandschaft, wie sie sich erstmals im Kopf des vorchristlichen römischen Denkers Vergil abgezeichnet habe und wie sie seither, spätestens jedoch seit… er suchte in seinen Papieren… seit Goethe (er sagte Gothi) jeder Gebildete als Ziel seiner Sehnsucht nach Ruhe und Frieden in sich trage: Me too in Arcadia! (…) Man habe keine Kosten gescheut, eines der arkadischen Hochtäler (…) zu bukolisieren, to bucolize it, sagte er, (…).24

Zwischen den Bulldozern realisiert Klint, daß jede Idylle – gleichwohl sie bereits zu Vergils Zeit Utopie war – nur noch eine künstlich gestaltete, in der Tradition des Landschaftsgartens entworfene sein kann, da es ursprüngliche Natur nicht mehr gibt und diese den heutigen Menschen ohnehin kein Wohlgefallen wäre.

Nahezu leitmotivisch durchzieht das vom arkadischen Fremdenführer Goethe zugesprochene ‘Et in arcadia ego’ den Arkadien-Teil in Klints Aufzeichnungen. Auf den Titelblättern der beiden Bände der Erstausgabe der Italienischen Reise von 1816 und 1817 war als Motto “Auch ich in Arkadien!” vorangestellt, was eine ungenaue Übersetzung aus dem Lateinischen darstellt.25

Wie Erwin Panofsky darstellt, bezieht sich der lateinische Spruch, der in einem Gemälde von Giovanni Francesco Guercino die erste bildliche Wiedergabe fand, ursprünglich nicht auf eine lebende Person, sondern auf den Tod. Eine angemessene Übersetzung dieses ‘memento mori’ müßte “Selbst in Arkadien habe ich, der Tod, Gewalt”26 lauten. Mit Poussins heute im Louvre zu betrachtenden zweiten ‘Et in Arcadia ego’ hat offensichtlich ein Bedeutungswandel stattgefunden, der die nachfolgenden Lesarten – die ‘elegische Interpretation’ (Panofsky) – i.S. des ‘auch ich weilte in Arkadien’ auslöste, da sie mit seiner Bildbotschaft übereinstimmten.27 Aus der Bedrohung durch den Tod ist eine sentimentale Erinnerung an ein goldenes Zeitalter geworden.

In Klint wird durch die Verquickung des tradierten locus amoenus mit der gegenwärtigen ökologischen Bedrohung von Mensch und Natur das ‘memento mori’ in der arkadischen Erinnerungsfigur neu aktiviert und aktualisiert. Beide Lesarten, die elegische und die bedrohliche, schimmern durch Klints Arkadienbeschreibung hindurch: Zu der sentimentalen Sehnsucht nach einer der Vergangenheit angehörenden unberührten Natur und menschlichen Naturnähe gesellt sich die Bedrohung von Mensch und Natur durch Umweltgifte und Gentechnologie.

Die zerstörte Seele

Klint selbst bleibt nicht unbeschadet durch diese beschädigten Bilder. Aus seinem anfänglichen Mit-leiden mit der Natur wird im Laufe seiner Aufzeichnungen eine pathologische Schizophrenie. Literarisch wird dies einerseits durch ein Doppelgängermotiv umgesetzt – Klint sieht sich in Arkadien plötzlich einem Klint II28 gegenüber, den er dann vorerst zu einem von ihm selbst schreibend entworfenenen alter ego rationalisiert – und andererseits durch die Dopplung der Handlung des römischen Mordes an Melania, der sein Gegenstück vor arkadischer Kulisse in dem Mord an der Zentaurin Melanippe findet. Gegen Ende des Romans rekonstruiert der Chronist Klints Besuch in der psychiatrischen Abteilung des Turiner Krankenhauses, in dem Klint sich kurz vor seinem Suizid ein Medikament injizieren läßt, das ihn beruhigt und für kurze Zeit von seinem schizophrenen Wahn befreit. Die Schizophrenie als krankhafte Reaktion auf die Umweltkrise steht in Übereinstimmung mit der vom Chronisten eingangs erwähnten “Zersplitterung moderner Seelen unter der Bedrohung des Menschen und der Natur” 29.

Initialzündung seines geistigen Zerfalls war ein Erlebnis, das er am Silvesterabend 85/86 hatte: er stand am Lago Maggiore und betrachtete die Landschaft, vielmehr war dies seine Absicht. Es gelang ihm nicht, er konnte lediglich einzelne partikulare Entitäten wahrnehmen. Der panoramatische Blick jedoch, der das Singuläre zu einer Gesamtschau verschmelzen läßt, der es ermöglicht, eine Landschaft als Landschaft wahrzunehmen, war ihm verlustig gegangen. Er bezeichnet das Symptom als “Atomisierung einer Landschaft” und hält diese “Punktförmigkeit (s)eines Sehens” für eine “Grundbefindlichkeit des westlichen Menschen”:

Nicht nur im Sehen zerlegte er sich die Welt, er zerdachte sie auch, indem sein Denken, genau wie sein Sehen, vom Gehirn her unter Verlust des Ganzen in einem immer schmaler, spitzer werdenden Sektor stets auf den Punkt kam, während sich die Welt zu beiden Seiten dieses Denkkeils bis hin zu ihrer Auflösung in Unschärfe verlor. So ist es nur logisch (…), daß ein dergestalt immer tiefer in die materielle Welt vorangetriebenes sektorales Denken am Ende beim atomaren Kern der Dinge ankommen, ja selbst diesen noch unter Inkaufnahme einer Zerstörung der Welt spalten mußte. 30

So führt, nach Klints Sicht der Dinge, das analytische Denken notwendig zur Kernspaltung und damit nicht nur zur Möglichkeit, sondern zur “Unvermeidbarkeit einer Weltzerstörung”.31 Gleichzeitig liest er aus diesem Auseinanderfallen des Zusammenhänge erfassenden Blicks die Menetekel seines “fortschreitenden geistigen Zerfalls”32: Ich-Verlust als Bewußtseinsspaltung geschieht analog zur Spaltung der Welt.

Die Schrift war lange schon an der Wand: sich mehrende Zeichen meiner geistigen Verwirrung (…). Und nun (…), am vorletzten Tag des Jahres, das Tschernobyl voraufging, der atomaren Katastrophe, die ich seit langem erwartete (…), entschlüsselten sich mir die Zeichen zu einer Gewißheit, die ich im schwarzen Licht eines einzigen grundstürzenden Augenblicks von der friedvollen Landschaftskulisse ablas: Ich verliere mein Ich.33

Was sich in Störfall, wie folgendes Zitat belegt, bereits angedeutet hat, ist in Klint umgesetzt – die Bedrohung der Welt insbesondere durch die Folgen der Kernphysik bleibt nicht ohne Folge auch für die seelische Gesundheit der Menschen.

Wie merkwürdig, daß A-tom auf griechisch das gleiche heißt wie In-dividuum auf lateinisch: unspaltbar. Die diese Wörter erfanden, haben weder die Kernspaltung noch die Schizophrenie gekannt.34

Als Ursache der seelischen Zerstörung beschreibt Klint selbst explizit seine ökologischen Ängste, die wie ein Sedimentgestein aus düsteren Gedanken sein Bewußtsein wie Unbewußtes durchdringen.

Mit in die Tiefe meines sich immer wieder einschwärzenden Bewußtseins nehme ich meine meist düsteren Gedanken an die eigene schwierige Befindlichkeit, an ökologische Katastrophen und das Ende der Welt. Aber diese Gedanken gehen nicht verloren; sie sedimentieren auf dem Grund meiner Seele, wo sie Schichten bilden und langsam versteinern. (…) Alle mit Ausnahme der ältesten Schicht waren vertikal durchdrungen von abgelebten ökologischen Ängsten (…).35

Kurz vor zwölf: die tote Mutter (Erde)

Bestimmte Zitatstellen in Klint haben Parallelen in Moos oder Störfall, so zum Beispiel folgende Stelle, die einerseits Ohlburgs Herzklee-Kreislauf-Traum assoziieren läßt und andererseits den Abschlußtraum im Störfall, in welchem die Erzählerin einen nachtdunklen Himmel sieht, an dem “ein großes Foto” ihrer “toten Mutter befestigt”36 war.

Der am Uhrenrand als Punkt umlaufende Sekundentakt ist deckungsgleich mit dem Schlagintervall meines Herzens, und beide vereinen sich zu einem rhythmischen Beben, das mich wie starke elektrische Schläge durchzuckt; (…). Vor mir ist nur das spiegelnde Zifferblatt der großen Uhr. Ein Gesicht ist darin (…) Ich erkenne in diesem Gesicht das Antlitz meiner toten Mutter.37

In diesem Kontext verweist ‘tote Mutter’ vermutlich auf die Metapher der ‘Mutter Erde’, die aufgrund der ökologischen Schäden nicht mehr als lebendig und lebensspendend imaginierbar ist. Weist dieser Bildraum auf die ‘abgelaufene Zeit’ für die Erde oder die Spezies Mensch, macht das Bild in Klint diesen Hinweis dadurch noch deutlicher, daß die Zeigerstellung der Uhr auf ‘kurz vor zwölf’ deutet.

Zusammenfassung: “ein Enzephalogramm meines Gehirns”

In dem von mir diesem Kapitel als Motto vorangestellten Zitat aus Klint bezeichnet Klint seine Texte als Enzephalogramm seines Gehirns, in dem die Sätze neuronale Elektrizität und die Wörter deren Ursprünge in den Synapsen graphisch darstellten. Der Begriff ‘Enzephalogramm’, der ein ‘Röntgenbild der Gehirnkammern’ denotiert, scheint mir nicht sonderlich glücklich gewählt. Ich schlage stattdessen den Begriff der Topographie vor, da er als ‘Lagebeschreibung’, als ‘Beschreibung und Darstellung geographischer Örtlichkeiten’ für den vorliegenden Kontext besser geeignet scheint. Neben dem Dokumentieren der durch die ökologische Krise und Tschernobyl im besonderen verursachten Erschütterung im ‘seismo-graphein’ gilt es, die Folgen zu begutachten und die Lage zu beschreiben. Die Zerstörung der realen Umwelt und der imaginären Landschaften (Arkadien, Atlantis), die sich an den beschädigten Erinnerungsfiguren ablesen läßt, wie auch die daraus resultierende Zerstörung der seelischen Landschaft/Innenwelt des Protagonisten Klint kann so unter der begrifflichen Klammer der Topographie ineins gefaßt werden.

Insofern schlage ich vor, den Roman als Topographie der mit der Umweltzerstörung einhergehenden und ihr entsprechenden seelischen Zerstörung in Form einer pathologischen Schizophrenie des Protagonisten zu lesen.

In Klint haben die Erinnerungsfiguren und die in ihnen verdichteten Geschichten ihre identitätssichernde Wirkung verloren. Waren diese auch im Störfall bereits insofern beschädigt, daß die haltgebenden mit den vergifteten Verweisungsbezügen oszillierten, konnten sie die Identität der Erzählerin zwar extrem verunsichern, aber nicht zerstören. In Horst Sterns Roman ist die Kontamination der Erinnerungsfiguren derart stark, daß die ursprünglichen Bilder von den Bildern der Zerstörung völlig überdeckt werden. Dadurch verlieren sie ihre identitätsstiftende und
-sichernde Funktion, was sich in der seelischen Zersplitterung Klints manifestiert.

1 Paul, Sabine: Metaphysischer Krimi. Ein neuer Roman von Horst Stern, dem Pionier des ökologischen Journalismus, die tageszeitung, 23.6.1993. Im Schwedischen dagegen bedeutet ‘Klint’ erstens Gipfel, Spitze, Hügel, (Ab-)Hang, zweitens Kornblume.

2 Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft, in: ders.: Prismen, Frankfurt/M. 1987, S. 7-26, S. 26

3 Schnell, Ralf: Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945, Stuttgart 1993, S. 248f.

4 Stern, Horst: Klint. Stationen einer Verwirrung, München 1993, im folgenden zitiert als ‘Klint’, S. 303

5 Globus Kartendienst Hd-3301, 51. Jg., 25.3.1996: “Auch bereitet der Zustand des Katastrophenreaktors den Fachleuten weiterhin große Sorgen. So soll die Betonhülle des Sarkophags inzwischen brüchig geworden sein. Und im Innern glüht das atomare Feuer wie vor zehn Jahren weiter. Es ist bisher für Menschen nicht möglich, zum geschmolzenen Kern vorzudringen.”

6 “Als ich eines Tages las, daß japanische Zen-Mönche sich nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima in Berghöhlen zurückzogen, um im Lotussitz den Strahlentod zu erwarten, und daß man Jahre später ihre mumifizierten Leichen in unveränderter Sitzhaltung auffand, nahm ich diese Art von Meditation (…) wieder auf.” (Klint, S. 304)

7 Klint, S. 319

8 Klint, S. 314

9 Klint, S. 18

10 Klint, S. 14

11 Klint, S. 16

12 Klint, S. 16f.

13 Klint, S. 104

14 “In Vergils Arkadien fließt Mythisches und empirisch Gegebenes ineinander, und in einer für die griechische Dichtung höchst anstößigen Weise treffen sich hier Götter und moderne Menschen.” Klint, S. 105, Zitat aus: Snell, Bruno: Arkadien – die Entdeckung einer geistigen Landschaft, in: ders.: Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen, 4., neubearbeitete Auflage, Göttingen 1975, S. 258. Fritsch gibt denselben Aufsatz in einer anderen Veröffentlichung als Quelle an: Snell: Arkadien – die Entdeckung einer geistigen Landschaft, in: Wege zu Vergil. Drei Jahrzehnte Begegnungen in Dichtung und Wissenschaft, Darmstadt 1966, S. 338-367, S. 340 (Fritsch, Andreas: Vergils ‘Arkadien’-Motiv in Horst Sterns ‘Klint’, in: Unerledigte Einsichten. Der Journalist und Schriftsteller Horst Stern, hrsg. v. Ludwig Fischer (= Beiträge zur Medienästhetik und Mediengeschichte, hrsg. v. Knut Hickethier, Bd. 4), Hamburg 1997, S. 257-266, S. 266)

15 Klint, S. 229

16 Klint, S. 236

17 Klint, S. 239

18 Klint, S. 241f.

19 Klint, S. 49

20 Klint, S. 49

21 Klint, S. 74. Durch die Bezeichnung ‘Holocaust’ wird auch hier wieder die Atomkraft/Atombombe mit Auschwitz parallelisiert.

22 Klint, S. 50

23 Klint, S. 51

24 Klint, S. 278

25 Vgl. den Kommentar von Herbert von Einem in: Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise, HA Bd. 11, S. 581ff.

26 Panofsky, Erwin: Et in Arcadia ego. Poussin und die Tradition des Elegischen, in: ders.: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst, Köln 1975, S. 351-377, S. 361

27 “Somit lädt Poussin selber, indem er in der Inschrift keine verbale Änderung vornimmt, den Betrachter ein, ja zwingt ihn fast, sie falsch zu übersetzen (…). Die Entwicklung seiner bildlichen Phantasie war über die Bedeutung der literarischen Wendung hinausgewachsen, und man kann sagen, daß diejenigen, die sich unter dem Eindruck des Louvre-Bildes entschieden, die Wendung Et in Arcadia ego mit ‘Auch ich lebte in Arkadien’, statt mit ‘Selbst in Arkadien gibt es mich’ wiederzugeben, zwar der lateinischen Grammatik Gewalt antaten, doch der neuen Bedeutung von Poussins Komposition Gerechtigkeit widerfahren ließen.” (Panofsky, a.a.O., S. 367)

28 “… als das Rasen zum Stehen kommt, ist Klint außer sich, und er sieht sich dort stehen, zwischen Stall und Baum. Und den er dort sieht, der gleicht in allem seinem eigenen, erst gestern gesehenen Spiegelbild in den Flügeltüren des Fährschiffs von Brindisi nach Patras: (…). Auch auf den zweiten Blick (…) bleibt dieser Er ein Ich. (…) Klint schreibt den anderen Klint irgendeiner unbekannten (…) physikalischen Eigenschaft der gestalthaften arkadischen Luft zu. (…) Er bemerkt schaudernd, daß er die Gedanken dieses anderen Klint im eigenen Kopf denken kann und dabei durchaus noch die seinigen hat, die sehr verschieden davon sind. Er und jener sind also nicht an Steiß oder Buckel, sondern an Kopf und Gehirn verkettet!” (Klint, S. 230f.)

29 Klint, S. 8

30 Klint, S. 24f.

31 Klint, S. 301

32 Klint, S. 303

33 Klint, S. 21

34 Störfall, S. 46

35 Klint, S. 92

36 Störfall, S. 163

37 Klint, S. 27

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